Handgemachte Kleidung: Warum „von Hand gefertigt" kein Qualitätsversprechen ist.

Auch Fast-Fashion ist handgemacht. 

Handgemachte Kleidung. Der Begriff klingt nach kleiner Manufaktur, nach Handwerk, nach jemandem, der sich Zeit für jedes einzelne Stück nimmt. Viele denken deshalb, wenn ein Kleidungsstück handgemacht ist, muss es besonders hochwertig, fair und nachhaltig sein.


Das ist jedoch ein Trugschluss, denn auch dein günstigstes Fast-Fashion-T-Shirt für 4,99 Euro ist handgefertigt. Nicht weil der Hersteller besonders viel Wert auf Handwerk legt, sondern weil es technisch bislang kaum anders möglich ist.


Warum fast jedes Kleidungsstück handgemacht ist

Um zu verstehen, warum „handgemacht" kein Unterscheidungsmerkmal ist, müssen wir uns anschauen, wie ein Kleidungsstück tatsächlich entsteht.
Der Nähprozess lässt sich bis heute kaum automatisieren. Zuschnitt, Zusammennähen der Einzelteile, Säumen, Einsetzen von Ärmeln oder Kragen, Verstürzen, Bügeln – jeder dieser Schritte erfordert flexibles Material, das sich beim maschinellen Greifen anders verhält als etwa Blech oder Holz. Stoff ist weich, rutschig, dehnbar und reagiert bei jedem Zuschnitt leicht anders. Genau das macht ihn für Roboter bis heute extrem schwer zu handhaben. Auf Textilmessen wie der Texprozess sieht man deshalb vor allem Teillösungen, die auf klassischen Nähmaschinen aufbauen und einen einzelnen Schritt automatisieren, gerne das Säumen oder das Annähen von Taschen. Aber auch hier legt eine Person das Teil in die Maschine ein und nimmt es wieder heraus. Automatisiert wird der Nähvorgang selbst, nicht der Mensch daneben. Einen vollautomatisierten Nähroboter, der ein T-Shirt von Anfang bis Ende ohne menschliches Zutun fertigt, haben wir auf keiner Messe und in keiner Produktion bislang im echten Einsatz gesehen.

Und daran wird sich vermutlich so schnell nichts ändern. Nicht, weil es unmöglich wäre, sondern weil es sich für die großen Produzenten schlicht nicht lohnt. Eine Näherin in einem Billiglohnland kostet pro Stunde einen Bruchteil dessen, was die Entwicklung und Wartung eines Nährobotern kosten würde. Wer ohnehin für wenige Euro produzieren lässt, hat keinen wirtschaftlichen Anreiz, in Automatisierung zu investieren.


Handgemacht sagt nichts über Qualität, Fairness oder Nachhaltigkeit aus

Genau deshalb ist „handgemacht" als Werbeversprechen so irreführend. Unternehmen nutzen den Begriff gezielt, um Nahbarkeit, Sorgfalt und Fairness zu suggerieren. Das Bild im Kopf: kleine Werkstatt, wenige Mitarbeitende, viel Liebe zum Detail. Die Realität sieht bei den meisten Anbietern anders aus: große Fabrikhallen, hoher Zeitdruck, niedrige Löhne – aber technisch gesehen tatsächlich von Hand genäht.
„Handgemacht" beschreibt also lediglich den Produktionsprozess, nicht die Arbeitsbedingungen, nicht die Materialqualität und nicht die Nachhaltigkeit der Lieferkette. Ob unter einem Kleidungsstück eine faire Näherei mit angemessenen Löhnen steht oder eine Fabrik mit prekären Bedingungen, „handgemacht" verrät darüber gar nichts. Wer wirklich wissen will, unter welchen Bedingungen ein Kleidungsstück entstanden ist, muss nach anderen Kriterien schauen: Produktionsland, echte Transparenz über die Lieferkette, konkrete Angaben zu Löhnen und Werkstätten. Bei uns bedeutet „handgemacht" etwas anderes als in vielen anderen Ländern. Nicht, weil der Nähvorgang selbst sich unterscheidet, sondern weil dahinter ein fairer Stundenlohn, Arbeitsschutzgesetze und Transparenz steht, statt einer Lieferkette, die wir nicht überblicken. Trotzdem werben wir nicht mit dem Begriff „handgemacht" aus genau dem Grund, den wir oben beschrieben haben. Er sagt für sich genommen nichts aus, egal wo ein T-Shirt entsteht.


Unser Ziel: Automatisierung, um Arbeitsplätze zu sichern

Wir arbeiten trotzdem aktiv daran, Nähprozesse dort zu automatisieren, wo es sinnvoll möglich ist; allerdings aus einem anderen Grund, als man vermuten würde. Es geht uns nicht ums Sparen. Als deutscher Produzent ist es uns wichtig, Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen, nicht bestehende zu ersetzen.
Der Grund, warum wir überhaupt auf Automatisierung angewiesen sind, liegt an der Lage der Branche hierzulande: Außerhalb von Baden-Württemberg gibt es kaum noch Textilproduktionen und auch dort schließen viele. Zahlreiche Betriebe sind wegen der Lohnkosten ins Ausland abgewandert oder haben geschlossen, Fachkräfte müssen branchenfremd arbeiten, Nachwuchs fehlt. Wenn wir in Deutschland wachsen wollen, brauchen wir Prozesse, mit denen sich auch ungelerntes Personal einarbeiten lässt und mit denen wir bestehende Arbeit sinnvoll ergänzen, nicht ersetzen.

Kurz gesagt

Handgemachte Kleidung ist damit nicht automatisch nachhaltiger. Nachhaltigkeit hängt vielmehr von Materialauswahl, Produktionsland und Arbeitsbedingungen ab. Auch Fast Fashion ist in der Regel handgemacht. "Manufaktur" geht weiter als "handgemacht", da hier nicht nur der Fertigungsprozess beschrieben wird. "Manufaktur" impliziert kleine Stückzahlen, spezialisiertes Handwerk und höhere Löhne. Auch dieser Begriff ist aber nicht geschützt und wird daher häufig ebenfalls zu Marketingzwecken verwendet. Achtet daher am besten bei der Auswahl nachhaltiger Kleidung nicht auf gut klingende, aber im Endeffekt leere und ungeschützte Begriffe, sondern auf das Produktionsland und Transparenz.

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